$\textbf{Hintergrund und Zielstellung:}$ Trotz zahlreicher gesundheitlicher Vorteile der körperlichen Aktivität, erreicht ein Großteil der Bevölkerung die Bewegungsempfehlungen nicht. Zwar gilt Intention als entscheidender Faktor für die Initiierung körperlicher Aktivität, reicht jedoch häufig nicht aus, um das Verhalten umzusetzen (McEachan et al., 2016) und aufrechtzuhalten (Finne et al., 2019). Eine Schlüsselrolle dabei spielt der antizipierte Affekt, definiert als Erwartung affektiver Zustände nach Ausführen oder nicht Ausführen der Aktivität (Stevens et al., 2020). Die Antizipation von positivem Gefühlserleben erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass Personen eine Intention bilden und diese umsetzen. Der antizipierte Affekt fungiert somit als affektiver Motivationsmechanismus mit direktem und indirektem Einfluss auf Verhalten (Feil et al., 2022). Bisherige Forschung betrachtete überwiegend die Between-Person-Ebene, während Within Person-Dynamiken, die das tägliche Verhalten widerspiegeln, weitgehend unberücksichtigt blieben (Jekauc et al., 2025). Ziel dieser Studie ist es daher, diese Forschungslücke zu schließen, indem die Rolle des antizipierten Affekts auf der Within-Person-Ebene untersucht wird. ... mehrDie zentrale Fragestellung besteht darin, zu untersuchen, in welchem Ausmaß der antizipierte Affekt das Verhalten direkt beeinflusst und inwieweit dieser Einfluss über die Intention vermittelt wird.
$\textbf{Methodik, Studiendesign:}$ An der Studie mit einem Ecological Momentary Assessment (EMA) Design nahmen 45 Personen aus einer Gelegenheitsstichprobe summiert aus drei Erhebungswellen teil (22.2% männlich, MAlter, = 27.1, SDAlter = 8.2). Die Teilnehmenden bearbeiteten über vier bis fünf Verhaltensepisoden tägliche App-basierte Fragebögen zu Intention und antizipiertem Affekt, die zwischen 8 Uhr morgens und abends getriggert wurden. Zusätzlich wurden wöchentliche Fragebögen nach der Sporteinheit ausgefüllt. Eine Verhaltensepisode wurde als ein klar abgegrenzter Zeitraum von einer Woche definiert, der mit der Teilnahme an der Sporteinheit endete. Zur Analyse der Daten wurden Mehrebenenmodelle eingesetzt. Um die indirekten Effekte einbeziehen zu können, wurde ein bayesianisches Modell gerechnet.
$\textbf{Ergebnisse:}$ Mithilfe von Mehrebenenregressionen mit zufälligen Effekten wurden für jede Versuchsperson und jede Verhaltensepisode das Ausgangsniveau der Intention und des antizipierten Affekts sowie die Veränderung der Intention über die Zeit geschätzt. Das Ausgangsniveau des antizipierten Affekts war ein signifikanter Prädiktor für die Teilnahme an der Sporteinheit innerhalb der Person (OR = 9.50, 95% CI [3.56, 25.40], p < 0.001). Zudem war das Ausgangsniveau des antizipierten Affekts mit dem Ausgangsniveau der Intention assoziiert (β = 0.66, 95% CI [0.58, 0.74], p < 0.001) und hatte einen Einfluss auf die Veränderung der Intention (β = 0.34, 95% CI [0.23, 0.45], p < 0.001). Das bayesianische Modell zeigte einen Effekt von antizipiertem Affekt auf die Teilnahme, der sowohl über das Ausgangsniveau (OR = 2.07, 95% CrI [0.91, 4.25]) als auch über die Veränderung der Intentionsstärke (OR = 1.56, 95% CrI [1.21, 2.08]) mediiert wurde. Der kombinierte indirekte Effekt über beide Mediationspfade war signifikant und zeigte, dass ein höherer antizipierter Affekt mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit der Teilnahme verbunden war (OR = 3.21, 95% CrI [1.41, 6.76]). Der antizipierte Affekt beeinflusste die Teilnahme auch unabhängig von der Intention (OR = 5.54, 95% CrI [1.41, 16.3]), was auf eine partielle Mediation des antizipierten Affekts hindeutet.
$\textbf{Diskussion und Fazit:}$ Beim antizipierten Affekt konnte sowohl ein direkter als auch ein indirekter Effekt über die Intention auf die Teilnahme gezeigt werden. Diese Ergebnisse deuten darauf hin, dass der antizipierte Effekt einen wichtigen Beitrag zur Intentionsbildung leistet und darüber hinaus einen von der Intention unabhängigen Effekt auf das Bewegungsverhalten ausübt.
$\textbf{Take-Home-Message:}$ Die Erwartung positiver Emotionen entfaltet eine doppelte Wirkung, indem sie sowohl die Bildung von Handlungsintentionen fördert als auch unmittelbar das Bewegungsverhalten beeinflusst.
$\textbf{Literatur}$
Feil, K., Weyland, S., Fritsch, J., Wäsche, H., & Jekauc, D. (2022). Anticipatory and Anticipated Emotions in Regular and Non-regular Exercisers – A Qualitative Study. Frontiers in Psychology, 13, 929380. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2022.929380
Finne, E., Englert, C., & Jekauc, D. (2019). On the importance of self-control strength for regular physical activity. Psychology of Sport and Exercise, 43, 165–171. https://doi.org/10.1016/j.psychsport.2019.02.007
Jekauc, D., Voelkle, M. C., Giurgiu, M., & Nigg, C. R. (2025). Unveiling the Multidimensional Nature of the Intention–Behavior Gap: Dynamics of Intentions and Behaviors. European Journal of Health Psychology, 2512-8442/a000162. https://doi.org/10.1027/2512 8442/a000162
McEachan, R., Taylor, N., Harrison, R., Lawton, R., Gardner, P., & Conner, M. (2016). Meta Analysis of the Reasoned Action Approach (RAA) to Understanding Health Behaviors. Annals of Behavioral Medicine, 50(4), 592–612. https://doi.org/10.1007/s12160-016 9798-4
Stevens, C. J., Baldwin, A. S., Bryan, A. D., Conner, M., Rhodes, R. E., & Williams, D. M. (2020). Affective Determinants of Physical Activity: A Conceptual Framework and Narrative Review. Frontiers in Psychology, 11, 568331. https://doi.org/10.3389/fpsyg.2020.568331